Die Jahrhunderttreibjagd

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Der erste Akt von Dr. Vitruans Jagdspektakel war trotz allem recht erfolgreich. 42 Enten werden von den Hunden aus dem Wasser geholt. Die Beute wird von eifrigen Helfern sofort an den Streckenwagen gehängt. Das hygienisch notwendige und gesetzlich vorgeschriebene Ausweiden der toten Wasservögel wird von Vitruan untersagt.

Er meint: „Wie sieht denn das aus? Die vielen bluttriefenden Enten am Wildwagen! Das entstellt unsere edle Beute!” Auf die an ihn gerichtete Frage, wo denn das andere Zeug hinkommen soll, all die Kreaturen, welche versehentlich geschossen wurden, reagiert der Doktor mit verachtendem Argwohn. Der vitruanische Hofnarr Wiesenbubi zeigt dem naiven Fragesteller eine große Mülltonne, welche in einem daneben abgestellten VW-Bus versteckt ist.

Darin verschwindet dann der Kollateralschaden, die versehentlich erlegten zwei Graureiher, ein Silberreiher, eine Rohrweihe, eine große Rohrdommel, sieben grünfüßige Teichhühner und acht Haubentaucher. Die 17 legal erlegten ungenießbaren Blessrallen schmeißt man der Tarnung wegen obendrauf. Dann fällt schützend der Deckel des Mülleimers drüber und alles ist unsichtbar.

Der Jagdherr Dr. Vitruan ist erfreut: Mit 250 Gästen wurden 43 Enten und sonstiger Beifang erlegt, bei nur 613 abgegebenen Schüssen. Der Holde ist zufrieden. Gut, es sind ein paar Schüsse zuviel, aber die Munition zahlen die Gäste schließlich selbst. Das sind die wichtigsten Ereignisse bis zum Mittagessen. Vom bereitgestellten Eintopf bleibt jede Menge übrig, da nur noch 95 Jäger geblieben sind. Vitruan ärgert sich maßlos über diese Neider, die seiner Meinung nach nur gegangen sind, weil sie selbst keine Jagd von dieser Qualität und Größe bieten können! Am Nachmittag darf der Nichtjäger Wiesenbubi zur Belohnung die Schützen abstellen.

„Das hast Du Dir redlich verdient, mein Guter”, raunzt der Holde mit väterlichem Unterton. Daraufhin grinst der Wiesenbubi mit Hilfe seiner hervorstehenden Schneidezähne und seine Schweinsaugen blinkten hinter der eckigen Brille hervor. „Mach ´mer scho!”, bemerkt er dummdreist mit feuchter Aussprache und setzt sich seinen Sepplhut zu recht. Er sieht damit aus wie der Dorfdepp in einem alten Heimatfilm.

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