Mit dem Auge des Experten

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Das Herwatschen seines Wiesenbubis hat dem Chef sichtlich gut getan. Der Ärger in der Firma ist fast vergessen. Jetzt kommen sie am Kahlschlag an. Auf einem kleinen Hochsitz mit quadratischer Plattform steht Martin Holzhaupt und kommandiert die mit der Hacke arbeitenden asiatischen Erntehelfer. „Eins, zwei, drei - so ist es gut - immer im Takt die Pflanzen ins Erdreich - keine Müdigkeit - sonst gibt es nichts zu trinken und weniger Geld!” Als er seinen Gebieter herannahen sieht, richtet er sofort seinen Anzug und bringt sein Markenzeichen, den gepflegten deutschen Försterhut, auf fettig, gut klebenden Haaren in Bestform. Stolz klettert er vom Hochsitz, schreitet auf die Beifahrerseite zu seinem Chef und begrüßt ihn mit erhabener Verbeugung, richtet sich wieder auf und prüft sofort … na - was denn? Seinen Hut natürlich, ob er nach dem Knicks noch korrekt sitzt. „Guten Tag Chef, Herr Dr. Vitruan, welch eine Freude!”

„Ich sehe, Du hast viel zu tun - Martin!”

„Ja Chef, vier Stunden steh ich schon auf dem Sitz, ohne einen Schluck Wasser und überwache meine Leute! Und das bei dieser Herbstsonne!”

„Ja, du bist sehr tüchtig! Wie arbeiten denn die Erntehelfer?”, fragt der holde Chef. „Naja, an mich kommen die nicht ran. Ich glaub, die haben noch nicht viel Bäume gepflanzt, aber was soll man von Informatikern schon erwarten!”, lästert Martin. Der Chef erklärt ihm, er soll niemandem erzählen, dass er diese Greencardleute für Waldarbeiten einsetzt, sonst will das Arbeitsamt bestimmt die noch im Bau befindliche EDV-Abteilung sehen! „Klar Chef, mein Wort!” „Das freut mich Martin und nun zu Deiner Lohnerhöhung! Ich hab mir folgendes überlegt. Du weißt, dass ich ein armer Mann bin. Ich kann Dir keine direkte Lohnerhöhung geben, aber ich verdopple die Miete für Deine Dienstwohnung. Die Miete beträgt dann fast dreiviertel Deines Nettogehaltes und da Du das ganze Jahr darin wohnst, hast Du Anspruch auf Wohngeld beim Sozialamt. Die zahlen Dir dann achtzig Prozent der Miete und ich bin gerettet. Die Anträge habe ich schon ausgefüllt! Du musst nur noch hier und da unterschreiben, direkt hinter dem Kreuz!” Schweigend unterschreibt Holzhaupt alles, obwohl er nichts kapiert hat: „Und die Lohnerhöhung?”, fragt er nach. „Die bekommst Du vom Sozialamt, als Wohngeld. Ich habe kein Geld, das weißt Du … Aber Martin … Du hast wieder mal den großen Gewinn gemacht! Zahlst nur noch zwanzig Prozent der Miete!” antwortet der Doktor. „Danke Chef - super!” „Aber Martin, was sehe ich dort? Was machen die denn mit den Pflanzen? Wie pflanzen die denn Bäume?”

„Wieso Chef, ist doch ganz normal. So was ist normal, wie die pflanzen!”

„Nichts ist normal!”, schreit Vitruan. „Du willst Förster sein? Ich habe Dir schon hundertmal gesagt, dass hier die Rehe die ganzen Spitzen von den kleinen Bäumen wegfressen! Und was machst Du? Du pflanzt wieder alles ganz normal! Immer noch die Spitzen nach oben! Sofort pflanzt ihr die Bäume mit der Wurzel nach oben! Dann ist die Baumspitze in der Erde und damit vor den Rehen sicher! Was hältst Du davon, Martin?”

„Super - Superidee, Chef! Da wäre ich nie darauf gekommen!”

„Siehst Du, Martin, mein Vater war Förster. Er hat mir immer abgeraten, ebenfalls Förster zu werden. Der Beruf wäre zuviel für mich und vor allem zu schwer. Er meinte es gut mit mir. Aber jetzt wäre er sicher stolz auf mich!”

„Hundertprozentig, Chef!”

„Und Martin - vergiss nicht einen Zaun um die Neuanpflanzung zu machen. Wir wollen diesmal auf Nummer sicher gehen!”

„Na klar Chef - mach ich!”

„Danke Martin, Du bist mein Bester! Du natürlich auch, Wiesenbubi. Fahr weiter!”

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